Die Vernichtung von 400.000 Rindern dauert fünf Monate 04.02.01
Das Szenario der Experten: So läuft die heftig umstrittene
Schlachtaktion. In der kommenden Woche wird der erste
Schritt dazu getan
Von Jochen Gaugele
Hamburg - Die geplante Vernichtung von 400.000 Rindern aus
deutschen Zuchtbetrieben wird nach Einschätzung von
Fachleuten rund fünf Monate dauern. Sie soll Ende Juni
abgeschlossen sein. Die Bundesregierung hält die
Massenschlachtung und -verbrennung für notwendig, um das
wegen der BSE-Krise entstandene Überangebot abzubauen - eine
so genannte "Marktbereinigung".
Die Vernichtungsaktion wird in Frankfurt am Main koordiniert, wo
die Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft derzeit letzte
Vorbereitungen trifft. Von Ende nächster Woche an soll in einer
Ausschreibung ermittelt werden, welche Schlachthöfe über
ausreichend Kapazität verfügen, um sich an der Massentötung zu
beteiligen. "Wir werden versuchen, ein bundesweites Netz zu
spannen", sagt der Präsident der Bundesanstalt, Günter
Drexelius. "Ich gehe davon aus, dass in jedem Bundesland
mindestens ein Schlachthof zur Verfügung stehen wird."
Grundsätzlich kommen alle Rinder in Frage, die älter sind als 30
Monate. Bauern, die sich beteiligen wollen, wenden sich zuerst
an einen Schlachthof in ihrer Umgebung. Von dort wird ihr Antrag
nach Frankfurt weitergeleitet. Die Bundesanstalt teilt den
Landwirten mit, zu welchem Termin sie wie viele Tiere in welche
Schlachtstätte bringen dürfen. Den Transport können auch
Viehhändler oder die Schlachtbetriebe selbst übernehmen.
In den Schlachthöfen werden die Tiere mit einem
Bolzenschussapparat getötet und "entblutet", wie Drexelius den
Vorgang beschreibt. Auf so genannten Hängebahnen wird die
Haut des Kadavers abgezogen und der Kopf abgetrennt, die
Innereien werden entfernt und das Fleisch zerteilt.
Veterinäre nehmen von jedem Rind eine Probe des Hirns, die sie
für einen BSE-Test verwenden. Die Haut soll - ganz gleich, ob
das Rind gesund oder krank ist - zu Leder verarbeitet werden.
Fleisch und Innereien dagegen gelangen nicht in die Kühlräume,
sondern unverzüglich in eine Tierkörperbeseitigungsanstalt, wo
sie zu Tiermehl verarbeitet werden.
Das Tiermehl soll anschließend in Müllverbrennungsanlagen oder
Zementfabriken, die ebenfalls über ausreichend große Öfen
verfügen, vernichtet werden. Drexelius hofft, dass zwischen der
Anlieferung im Schlachthof und der Verbrennung nicht mehr als
drei Tage vergehen.
Wenig später soll den Bauern Geld aus Mitteln der Europäischen
Union und des Bundes zufließen. Wird wie vorgesehen der
Marktpreis vom vergangenen November zu Grunde gelegt,
erhalten die Landwirte je Rind annähernd 1000 Mark. Den
deutschen Anteil an Aufkauf und Vernichtung beziffert
Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) mit 362
Millionen Mark.
Um sicherzustellen, dass Fleisch oder Tiermehl nicht doch
verschlungene Wege in den Handel finden, versehen Mitarbeiter
der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft die
Transport-Container mit Plomben. "Wir werden so gut aufpassen,
dass nach menschlichem Ermessen nichts mehr schiefgehen
kann", betont Drexelius. Weil die Bundesanstalt nicht genügend
Personal hat, zieht sie Mitarbeiter von Rinderkontrollverbänden
hinzu.
Ist der Großauftrag überhaupt zu bewältigen? "Wir haben eine
Aktion in diesem Umfang noch nicht erlebt", sagt Drexelius. In
den Schlachtstätten zumindest seien keine Schwierigkeiten zu
erwarten. "Wie es in den Tierkörperbeseitigungsbetrieben oder
Verbrenungsanlagen aussieht, können wir aber noch nicht
abschätzen."
Sollten die Bauern weniger als 400.000 Rinder zur Schlachtung
anbieten, bleibt es nach Auskunft der Bundesanstalt bei der
geringeren Zahl. Falls das Interesse größer sei, könnten auch
mehr als 400.000 Tiere vernichtet werden, kündigt Drexelius an.
Vorausgesetzt, das EU-Kontigent von zwei Millionen Rindern
wäre dann noch nicht überschritten - und die Bundesregierung
erklärte sich bereit, ihre Mittel für die Entschädigung der Bauern
aufzustocken.
Quelle: www.welt.de